Lesung: Erfahrungsberichte von Betroffenen

Am Donnerstag, den 15. März 2012, werden Ingrid Thaler und Irene Glück ab 19 Uhr uns einen interessanten Einblick in die Erlebnisse und Erfahrungen von Betroffenen geben. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, sich in einem offenen Austausch und einer Diskussion mit seinen ganz persönlichen Erfahrungen zum Thema Demenz zu beteiligen.

Hier stellt sich Irene Glück selbst vor:

Frau Glück arbeitete fast 40 Jahre als Lehrerin an verschiedenen Hauptschulen, u. a. auch mehrere Jahre an einer Fördereinrichtung für verhaltensgestörte Jugendliche.

Mit Demenz bzw. mit Arterienverkalkung, wie man es seinerzeit nannte, wurde sie bereits durch ihre Grosseltern konfrontiert; zeitweise half sie bei der Betreuung dieser mit. Auch ihre Eltern litten bzw. leiden an Altersdemenz. Ihre Mutter lebt heute in einer entsprechenden Einrichtung der Diakonie Traunstein.

Hier stellt sich Ingrid Thaler selbst vor:

Selbständige Ernährungsberaterin und Hauswirtschaftsleitung im Seniorenwohnheim Chiemgau-Stift in Inzell, Verheiratet, Zwei Kinder, 15 und 17 Jahre

Die Arbeit mit Senioren begleitet mich meine ganze Ausbildungszeit. Nach dem Schwesternhelferinnenkurs war ich immer wieder auf der Pflegestation in einem Seniorenwohnheim in Ottobrunn bei München als Pflegehelferin tätig. Bereits damals stellte ich fest, wie viel mehr ich persönlich zurückbekam als ich gab. Zu Hören und zu Lernen, was mir die Menschen erzählten und zu spüren, was sie mir nicht erzählten, brachte mich als junge Studentin in meiner Persönlichkeit sehr voran. Werte und Wertigkeiten bekamen eine neue Gewichtung. Meine Probleme wurden zu Banalitäten, wenn das Leben zeigt, wie es sich im letzen Wegabschnitt darstellt.

In späteren Jahren versorgte, betreute und pflegte ich zu Hause in der Elternzeit 10 Jahre lang die Schwiegereltern und lernte mit Demenz umzugehen. Gute Tage und schlechte Tage wechseln sich ab. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Verstörende Kriegserlebnisse und fröhliche Bergbauernbubengeschichten wechseln sich ab. Verzweifelte Erkenntnis, der letzte der Verwandtschaft zu sein weicht dem Verzweifeln, dass keiner die anderen Spielgefährten aus der Kindheit kennt. Die eigenen Grenzen und Möglichkeiten nicht zu überschreiten und die Pflege sicher zu stellen sind teilweise nicht auf einen Nenner zu bekommen. Oft genügt nur ein Da-Sein für den andern und Worte sind überflüssig. Nie gesehene Gefühlsausbrüche wühlen enorm auf. Ein Auf und Ab begleitet den Weg durch die Zeit und die Zeiten.

Trotzdem bleibt mir die intensive Zeit, in der beide Schwiegereltern sich hundertprozentig auf mich verlassen haben, ganz besonders in Erinnerung und im Herzen.

Heute arbeite ich im Chiemgau-Stift und freue mich, wenn Herrn F. und Frau E. mich im Büro besuchen, sich einen Florentiner schmecken lassen und mich vom Computer wegreissen, weil sie meine Aufmerksamkeit suchen.